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C. Giron-Panel/ A.-M. Goulet (Hg.), La musique à Rome au XVIIe siècle : études et perspectives de recherche, Rom 2012.

 

Europäische Musiker in Rom 1650 - 1750

Michela Berti
Giuseppe Vasi, Porta del Popolo (esterno), Rome, 1747.
Giuseppe Vasi, Porta del Popolo (esterno), Rome, 1747.

Rom als Stadt der Päpste und des Adels, der Botschaften und religiösen Orden, als Ort der Faszination der Antike und ihrer modernen Pendants: Eine Konstellation, die eine Vielzahl kultureller Ereignisse generierte und damit auf Künstler jeglicher Couleur eine einzigartige Anziehungskraft ausübte.


Der ideelle Ausgangspunkt für das vorliegende Forschungsprojekt ist die ausländische Präsenz auf der italienischen Halbinsel. Die Rolle der nationalen Kirchen und Kongregationen sowie der ausländischen Botschaften und Gesandtschaften in Rom bildet daher den Brennpunkt des Interesses und zugleich die Basis für eine Erweiterung der Perspektive.


In meinen bisherigen Arbeiten zum Musikleben im Umfeld der Französischen Botschaft in Rom während des 18. Jahrhunderts wurde deutlich, in welchem Ausmaß die politische Wirklichkeit und die Erfordernisse diplomatischer Vertretung Ästhetik und Musikgeschmack der Botschafter bestimmten und überwogen. Dort, wo in künstlerischer Hinsicht eine deutliche ausländische Komponente zu erwarten wäre, stoßen wir vielmehr auf eine Bestätigung vorherrschender lokaler Tendenzen. Ein Umstand, der gleichwohl einherging mit der Bereitschaft der Diplomaten, nach Rom reisende französische Musiker zu beherbergen und zu protegieren. Die ausländische Präsenz wird somit, so scheint es, nicht in den offiziellen Auftritten der Botschaft manifestiert, sondern vielmehr im täglichen und privaten Leben der Institution, vor indiskreten Blicken geschützt.


Die besondere politische Bedeutung Roms im europäischen Kontext bedingte indes die Unterhaltung zahlreicher ausländischer Vertretungen vor Ort, deren Hauptaufgabe darin bestand, die Größe des jeweiligen Königshauses in angemessen prominenter Weise abzubilden. So wurden in Rom die nationalen Festlichkeiten der einzelnen Länder in ähnlich aufwändiger Weise begangen, wie in den Ländern selbst.


Der Musik kam dabei eine herausragende Rolle zu, sah doch jedes Ereignis, von den prunkvollsten bis hin zu „alltäglichen“, wie Mahlzeiten oder Konversationen, eine musikalische Begleitung vor.


Zahlreiche Adelshäuser zählten zu ihrem Personal ein festangestelltes Orchester sowie einen Komponisten, oder besser: einen Kapellmeister.


Über die bekannten Rom-Aufenthalte einzelner berühmter musikalischer Persönlichkeiten hinaus ist während des Beobachtungszeitraumes eine große Anzahl ausländischer Musiker in Rom nachweisbar, deren Wirken noch zu dokumentieren ist, insbesondere mit Hilfe erhaltener archivarischer Materialien.


Die quellenkundliche Erfassung solcher ausländischer Präsenz in der Ewigen Stadt ist besonders unter bestimmten zentralen Fragestellungen von Interesse: Wer waren diese „Kleinmeister“, die Rom als Ausgangsort für die Erweiterung ihres Wirkungsradius wählten, auf der Suche nach Protektion durch den Adel oder Sicherheit durch den Dienst in religiösen Einrichtungen? Welche Art der Patronage oder des Mäzenatentums war für dieses Phänomen ausschlaggebend? Aus welchen „Nationen“ stammten diese Musiker vorwiegend? Hatte ihre Präsenz einen „innovativen“ Einfluss auf die bestehende römische Praxis? Welche Rückwirkungen hatte der römische Stil auf ihre Musik, sofern sie wieder in ihr Herkunftsland zurückkehrten? Animierte ihre Präsenz in Rom weitere ausländische Kollegen zur Nachahmung, auf der Suche nach idealen Bedingungen?


Um Antworten auf diese Fragen zu finden, wird eine umfassende Archivrecherche unternommen, an deren Ziel die möglichst ausführliche Dokumentation der Präsenz und des Wirkens ausländischer Musiker in Rom steht.


Dabei wird zunächst auf bereits vorliegende Arbeiten zur Katalogisierung sowie auf Sekundärliteratur zurückgegriffen, darunter die Erfassung gedruckter italienischer Libretti durch Claudio Sartori, die dank detaillierter Indizes ein unverzichtbares Werkzeug für eine grundlegende Übersicht des Forschungsgebietes darstellt.


Darüber hinaus werden die zahlreichen jüngeren Untersuchungen zu römischen Musikarchiven – sowohl kirchlichen, als auch privaten – herangezogen. Die Publikationen Jean Lionnets zu S. Luigi dei Francesi und zu S. Giacomo degli Spagnoli bilden wertvolle Grundlagen der Arbeit.


An diese vorbereitenden Tätigkeiten schließt sich die eigentliche Archivrecherche im römischen Archivio di Stato und im Archivio Capitolino mit ihren umfangreichen Beständen an Familienarchiven des römischen Adels sowie im Vatikanischen Archiv an. Hinzu kommen die Aktenbestände der verschiedenen Nationalkirchen, die, wie bereits Lionnet darlegte, einen musikhistorischen Fundus von zentraler Wichtigkeit darstellen.


Das angestrebte Resultat der Arbeit will weit mehr sein als ein schlichtes Namensverzeichnis: vielmehr soll durch die Recherche ein Phänomen beleuchtet werden, das im Bereich der Kunst- und Literaturgeschichte bereits Beachtung erfährt, in der Musikwissenschaft aber bislang ohne eine tiefgreifende Auseinandersetzung geblieben ist.

Kontakt

Anne-Madeleine Goulet

EFR, Piazza Navona, 62

I-00186 Roma

Tel.: +39 320 40 08 27 2

goulet(at)musici.eu


Gesa zur Nieden

Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Musikwissenschaftliches Institut
Jakob-Welder-Weg 18
D-55128 Mainz

zurnieden(at)musici.eu

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